Ohne uns!
Dass in diesem Jahr die “Wende”, “friedliche Revolution” or whatever ihren zwanzigsten “Geburtstag feiert”, dürfte Allgemeingut sein. Dass die damals Aktiven und ihre Erben die Erinnerung nicht irgendwelchen peinlichen Fernsehshows oder Festagsrednern überlassen, ist mehr als nur begrüßenswert. Unter dem Titel “Ohne uns!” widmet sich die gleichnamige Projektgruppe des riesa efau vom 24. September diesen Jahres bis zum 17. Janur 2010 der “Kunst & alternativen Kultur in Dresden vor und nach ’89“.
Ausstellungen zum Thema gibt es in der Stasi-Gedenkstätte auf der Bautzner Straße, in der 3. Etage des Einkaufszentrum “Prager Spitze” am Hauptbahnhof, in der Motorenhalle des riesa efau und im Lichthof des Rathauses. Den Abschluss des Ausstellungsmarathons bildet die Schau “Nonkonforme Kunst und alternative Kultur in Sachsen vor und nach 1989″ im Hygienemuseum. Außerdem finden Veranstaltungen im Kulturpalast statt. Welcher Art die sein werden, ist der Homepage des Projektes bisher leider noch nicht zu entnehmen.
Highlight aus meiner Sicht ist die Aktion “wendebahnhof” am 7. Oktober (voraussichtlich!). Der Dresdner Hauptbahnhof war vor 20 Jahren ein wichtiger Kulminationspunkte des Widerstandes: Davor auf der Prager Straße fand eine der ersten größeren Demonstrationen der sich formierenden Opposition der DDR statt, hier bildete sich die „Gruppe der 20“. Der Bahnhof selbst war Schauplatz der Zusammenstöße zwischen Polizei und Dresdnern bei der Durchfahrt der Züge aus der Prager Botschaft. Eine Collage aus originalen Film- und Tonaufnahmen der „Amateurfilmgruppe“ der Staatssicherheit wird die Ereignisse ins kollektive Gedächtnis zurückrufen.
Ganz andere filmische Zeitdokumente stehen im Mittelpunkt der Veranstaltung am 30. September. In der Motorenhalle des riesa efau werden Dokumentarfilme der Dresdner Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ gezeigt, welche die DDR-Bürger damals nicht zu sehen bekamen. Zu ungeschminkt ist der Blick auf den damaligen Zustand der Gesellschaft. Mindestens ein weiterer Filmabend ist angekündigt.
Nicht unerwähnt im Zusammenhang mit dem Rückblick auf das Wendejahr soll die Ausstellung „Keine Gewalt – Revolution in Dresden 1989″ im Stadtmuseum bleiben. Schwerpunkt hier ist die unmittelbare Wende-Zeit und die herausragende Rolle Dresdens für die oppositionellen Bestrebungen in der DDR.
Danke für die Erinnerung, ich sollte selbst etwas darüber bloggen. Am 08. Oktober 1989 war ich auf der Prager Straße. In den Tagen davor war ich bewusst nicht am Hauptbahnhof, denn wir hatten als sehr junge Eltern ein nicht ganz zwei Monate altes Kind und da schied dieser Weg der »Ausreise« natürlich aus. Ich kann sagen, dass ich von dem Augenblick an dabei war, als »Wir wollen raus« in »Wir bleiben hier« umschlug. Und »Keine Gewalt« habe ich auch noch sehr gut im Ohr.
Die Ausstellung ‘OHNE UNS!’ wird an vier Terminen eröffnet:
23. September um 20 Uhr in der Gedenkstätte Bautzner Straße
24. September um 19 Uhr in der Prager Spitze
24. September um 21 Uhr in der Motorenhalle
07. Oktober um 18 Uhr im Lichthof des Rathauses
“Als Begleitprogramm zur Ausstellung ‚OHNE UNS!’ präsentiert riesa efau vom 3.-7. Oktober von 19-20 Uhr im Café der Prager Spitze ein nie gesendetes Hörfunkdokument einer ehemaligen DT64-Redakteurin aus dem Oktober 1989.
Kurz nach den Krawallen am Dresdner Hauptbahnhof im Oktober 1989 hat Silke Hasselmann die daran beteiligten Polizisten über ihren Einsatz befragt. Dieses Interview wurde nie gesendet und ist erst vor kurzem im Deutschen Rundfunkarchiv wieder gefunden worden. Das unbearbeitete und unzensierte Material bietet die einmalige Gelegenheit, von den unmittelbar beteiligten Polizisten zu hören, wie sie die Ereignisse vor nunmehr 20 Jahren erlebt haben. Den Hauptbahnhof vor Augen, die Geschichte im Ohr öffnet sich für das Publikum von heute der Blick in die Vergangenheit.
Silke Hasselmann ist heute Auslandskorrespondentin für die ARD in Washington. Früher war sie DT64-Radioreporterin. Zum Zeitpunkt der Krawalle hatte sie Mikrophonverbot. Das hat sie nicht davon abgehalten, die Interviews mit den Volkspolizisten zu führen. ”
Aus einer PM des riesa efau.