Dass das Radio in Sachsen grauenhaft ist, kann eigentlich nur bestreiten, wer taub auf beiden Ohren ist. Die meisten intelligenten Menschen verweisen nach einer solchen Aussage auf Deutschlandfunk oder Deutschlandradio Kultur und das sind durchaus akzeptable Sender. Als Freund aktueller Popmusik ist man dort allerdings fehl am Platze.
Schon seit einiger Zeit gibt es die Initiative Biss.FM, die wohl ursprünglich eine Art Jugendradio – in Anlehnung an Jugendradio DT64 und seinen in Sachsen nicht zu empfangenden Nachfolger MDR Sputnik – forderte. Aber der Versuch, dass, um was coloRadio sich schon seit Jahren umsonst bemüht, im Schnelldurchlauf zu schaffen, ist wohl fehlgeschlagen. Da hatte man wohl nicht mit den Mühlen der hiesigen Bürokratie gerechnet. Jetzt versucht man es mit einer “Demo-Demo” und Musiknachhilfe für Jump & NRJ. Dazu hat bzw. will Biss.FM CDs von sächsischen Bands, Produzenten und Labels einsammeln und den Kommerzsendern zeigen, was sie für ein Potential vor der Haustür haben. Aufgewacht Jungs! Das wissen die aber es interessiert sie einen Dreck. Ist kein Geld mit zu verdienen. Und solange die Masse den Mist schluckt, den sie angeboten bekommt, ändert sich auch nichts daran. Deswegen und natürlich weil Radio auch mehr sein kann als alberne Wohlfühlbeschallung und Verkaufsförderung gab es ja immer Bemühungen um ein Freies Bürgerradio.
Persönlich interessiert es mich nicht, wo die Musik herkommt, auch eine Quotenregelung wie in Frankreich halte ich für unnötig. Das ideale Radio ist aus meiner Sicht eins, bei dem Wort- und Musikbeitrag gleichberechtigt sind. Im Gegensatz zur Annahme vieler Programmmacher reicht meine Aufmerksamkeitsspanne weiter als 30 Sekunden und ich denke, ich bin nicht der Einzige. Von einem guten Radiosender erwarte ich jedoch die gleiche Sorgfalt bei der Beschäftigung mit Musik wie mit Politik oder Malerei und das nicht nur, wenn es um Bruckner, Pärt & Co. geht. Wo sind die Sendungen hin, die sich eine ganze Stunde und länger um eine Band drehten, ihre verschiedenen Schaffensphasen beleuchteten und die Inhalte der Songs inklusive Inspirationsquellen beleuchteten? Wo sind die Spezialsendungen zu Heavy Metal, elektronischer Musik, Blues oder Jazz (muss ich mir ja nicht anhören) mit einem festen Sendeplatz; mit einer Zeit also, zu der sich die Fans vor den Radios versammeln, um das Neueste aus ihrer ganz speziellen Szene zu hören und der Rest halt was Anderes machte – Ups, genau da sind wir beim Punkt, es darf ja keiner abschalten. Also trimmt man alles schön auf stromlinienförmig, dass allein die Faulheit das Abschalten verhindert: Stört ja nicht. Musik, die nicht stört! Wenn ich das schon höre, klappt mir das Messer in der Tasche auf…
Was mich bei Biss.FM bisher immer gestört hat, sind die Fixierung auf die regionale Szene und die Jugend. Ich möchte nicht, dass Musik gespielt wird, nur weil sie aus der Region ist; sie sollte in erster Linie gut sein. Was man darunter versteht, ist sicher ein weites Feld aber ich habe das Vertrauen zu einem Radiomacher mit Leib und Seele, dass er das erkennt. Wie ein Zeitungsjournalist hat er zwar eine “Gatekeeper”- oder Filterfunktion, seine Auswahl ist also geschmacksabhängig, aber mir ist ein abweichender Geschmack 1000mal lieber als gar keiner. Statt ausgebildeter Radioleute sitzen heute aber meist spätpubertäre Sprechblasen vor den Mikrofonen.
Dass es wie auf coloRadio eine Regionalhitpolonaise, also eine Spezialsendung für die einheimische Musikszene geben kann und geben sollte, ist ohne Frage richtig. Die dient aus meiner Sicht in erster Linie dazu, dass regionale Bands Aufmerksamkeit bekommen, Lob & Kritik, Besucher bei den Konzerten (wieder Lob & Kritik) und eine Chance zur Weiterentwicklung. Auch finde ich es sinnvoll, wirklich gute Sachen aus der Region zu bevorzugen aber einen Lokalbonus ohne Qualität lehne ich ab.
Womit wir zum Problem der Jugend kommen. Ich bin nicht mehr “jugendlich” und das Zeug zum Berufsjugendlichen habe ich nicht. Deshalb kann ich mit der Idee eines Jugendradios nichts anfangen. Es ist doch gerade dieses jungen Leuten Immanente – die leichte Begeisterbar- und Verführbarkeit, die ständige Suche nach neuen Reizen – die die heutigen Kommerzsender so schlecht macht. Damit die Jungs und Mädels bei der Stange bleiben, brauchen sie ständig einen neuen Hype und wenn mal was angenommen wurde, dann wird’s solange runtergeleiert, bis der letzte die Melodie als Handyklingelton erstanden hat.
Und es gibt noch eine komische Sache: Musik, die Jugendliche ansprechen soll, sollte aus meiner Sicht von ihren Alterskameraden ausgewählt werden, denn die wissen am ehesten, was ihre Kumpels bewegt. Stattdessen sind die Moderatoren meist älter und nicht von jugendlicher Begeisterung getrieben, sondern vor allem von Hörer- und Umsatzzahlen. Das heißt aber nicht, dass ich etwas gegen “jugendliche Musik” habe: Wenn man z.B. von 14 – 18 Uhr Musik für Schüler im Radio bringt, dann ist das OK. Um die Zeit bin ich sowieso noch auf Arbeit. Auch hat die Woche sieben Tage und wenn zwei oder drei davon abends für diese Zielgruppe reserviert sind, stört mich das nicht. Aber dieser ständig gleiche “Partysound” (als wenn sich Jugendliche 24 Stunden am Tag nur mit Party beschäftigen würden) nervt.
Gutes Radio hat wie oben erwähnt, auch was mit gutem Geschmack zu tun und der entwickelt sich mit zunehmenden Alter. Insofern ist der Jugendwahn im Radio völlig fehl am Platze. Dort zählt für mich vor allem die interessante Auswahl, die Form der Präsentation und auch die ansprechende Stimme des Moderators (Das überkandidelte Gekreische mancher Girlies nervt mich ebenso wie das Pseudodialektische von zwangslustigen Mittvierzigern wie B + F). Auf der anderen Seite hat man manchmal den Eindruck, dass in Deutschlandfunk & Co. die quasiverbeamtete Kulturelite das Sagen hat, für die “Popmusik” ein Schimpfwort ist. Gefällt mir auch nicht, muss ich nicht haben. Musik lebt wie jede Kultur vom Austausch, die Mischung macht das Ganze also erst richtig interessant. Es ist doch genau der Vorteil des Radios, dass man Sachen erstmals hören kann, auch die man selbst nicht gekommen wäre und – als Vorzug zum Internet – sich mal wirklich darauf einlassen kann ohne schon wieder gleichzeitig in fünf anderen Kanälen unterwegs zu sein.
Ich weiß: Menschen meines Alters haben ihre musikalische Entwicklung häufig abgeschlossen und kaufen sich dann wahrscheinlich treudoof all ihre albernen 08/15-”Das war unsere Musik”-Sampler bei jedem Medienwechsel neu (Naja, mittlerweile ist die mp3 wohl auch in der Zielgruppe angekommen). Wenn ich beim Autofahren Radio höre, lande ich über kurz oder lang fast immer bei einem Oldiesender. Nicht, weil ich die Musik so toll finde, sondern weil es einfach die Musik ist, die am wenigsten nervt. Ich habe keine Lust, unterwegs ständig Klassik zu hören (Opernarien trieben mich zur Raserei) und viele Reportagen etc. sind auch nicht dazu angetan, während der Fahrt meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken – was vielleicht auch gut so ist. Also höre ich meist Kassette (Ja, wir haben noch so was Altmodisches im Auto).

Nun gut, jetzt habe ich mich reichlich verquatscht und das Thema eigentlich nur angerissen. Viel Hoffnung, hier in Sachsen guten Gewissens das Radio einzuschalten, um einfach nur ansprechende Popmusik in einer akzeptablen Übertragungsqualität geboten zu bekommen, habe ich eigentlich nicht mehr. Kommerzielles Radio ist zum Nebenbei-darf-nicht-stören- alles-so-schön-bunt-hier-Medium verkommen und zur Zielgruppe der staatlichen Stationen gehöre ich nur am Rande. Daran wird sich wohl nichts ändern.

Bands die man im sächsischen (Format-)Radio nicht hört (als Anregung, zum selber ergänzen):
- Portishead
- The Bastard Fairies
- Goldener Anker
- Joy Division…

Ende der Übertragung.

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6 Comments

  1. Lieber Nachhilfelehrer,

    nachdem ich Ihren, zum Teil verwirrenden, Beitrag gelesen habe komme ich nicht umhin Ihrem Kommentar zu den “Jugendradios” zu erwidern. Der macht mich wütend, weil er keinerlei sachliche Basis hat, sondern eher auf einem weit verbreiteten Kulturpessimismus basiert. Besonders pervers ist, dass dafür dann auch noch die “Jugend” als Kronzeuge herhalten muss, die ja offensichtlich an den heutigen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse absolut keine Schuld trägt, ganz im Gegensatz zu Ihresgleichen.

    Dem Argument “die ständige Suche nach neuen Reizen” würde die Formatradios so schlecht machen würde ich auch bestreiten. Die Formatradios suchen ja gar nichts neues, sondern übernehmen einfach die Charts. Weiterhin orientiert sich ihr Programm an der “werberelevanten Zielgruppe”, die man mit 15 – 49 Jahre wohl kaum alle zur Jugend zählen kann.

    Hätten Sie schon mal ein “Jugendradio” gehört, dann wüssten Sie dass es da eben nicht um Party geht. Es geht eben darum gesellschaftliche und persönlichen Themen und auch Musikgeschmack abseits des “Mainstreams” Raum zu geben. Und dieses Radio wird auch gerade von professionellen Radiomachern, die übrigens durchaus auch älter sind, gemacht. Meiner Meinung nach gute Beispiele sind hierfür z.B. der Zündfunk (BR) oder FM4 (ORF).

    Falls Sie trotz Ihres Alters keine Abneigung gegen Wikipedia haben können Sie sich dort ja mal genauer informieren:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Jugendradio
    http://de.wikipedia.org/wiki/FM4

    Schöne Grüße
    Jakob F.

    PS:
    - Dass Sachsen mit seiner Radiolandschaft ein Problem hat, damit stimme ich natürlich überein.
    - Über DAB kann man seit Anfang dieses Jahres auch MDR Sputnik empfangen (in Dresden).
    - Dass der Geschmack mit dem Alter nicht notwendigerweise besser wird zeigt übrigens ein einfacher Besuch des nächsten Altersheims.

  2. Danke für den schönen Kommentar.

    Ich habe nichts gegen Jugendliche, sondern gegen ein Jugendradio gesagt, dass sich – wie im Link angegeben – ausschließlich an Jugendliche wendet. Wenn schon EIN vernünftgies Radio in Sachsen, dann für alle. Wie erläutert, kann man ja nach Tageszeit die Schwerpunkte verschieden setzen.

    Ehrlich gesagt musst ich über die mir unterstellte Schlussfolgerung “Die Jugend ist an allem Schuld!” laut lachen, da ich das weder so gesagt, noch so gemeint habe. Meine Aussage zur leichteren jugendlichen Beeinflussbarkeit ist aber definitiv zutreffend. Dahinter steht dann ein komplexer Mechanismus von Angebot und Nachfrage, der bestimmte “negative” Tendenzen verstärkt, um aus wenig Aufwand viel monetären Nutzen zu ziehen. Tokio Hotel & Co. und der ganze Superstar-Mist werden nun mal hauptsächlich von jungen Leuten gehört, die bei nächster Gelegenheit dem nächsten medialen Hype nachrennen. Diese Mechanismen selbst werden allerdings von älteren Personen bedient, für die das Ganze in erster Linie ein Geschäft ist und Identität mit Zielgruppe korreliert. Noch einmal zur Erinnerung: Es ging hier hauptsächlich um Privatradios. Und die sehen im Hörer zuerst den potentiellen Konsumenten. Ein wie auch immer gearteter staatlicher Rundfunk, der sich ausschließlich aus Gebühren finanziert, funktioniert anders, mit aber z.B. politischen Zugeständnissen. MDR Jump wäre solch ein Beispiel für ein “jugendliches Radio”, doch dort versucht man ja die Privaten zu über/unter-bieten. Die Möglichkeiten, ein Programm abseits vom Diktat der Quote zu machen, hätte man hier…

    Auch wenn Du es anders darstellst. Ich bin durchaus im 21. Jahrhundert angekommen und bediene mich verschiedenster moderner Kommunikationsformen und -techniken. Trotzdem stehe ich vielem kritisch gegenüber. DAB, Internetradio etc. – all die technischen Spielereien sind ja ganz nett aber es gibt ein Medium, das einfach und für jeden erreichbar ist, und das ist der Rundfunk. Alles technisch klar und ausgebaut. Warum nutzt man das nicht einfach zum Wohle aller? Weil man die Geräte schon millionenfach verkauft hat und jetzt was Neues her muss. Ehrlich gesagt möchte ich in meinem Haus auch nicht ständi überall Internet am Laufen haben. Deshalb lehne ich z.B. W-LAN ab. Das kannst Du albern finden, das ist aber meine freie Entscheidung.

    Dass der Geschmack mit dem Alter nicht zwangsläufig besser wird, ist eine Binsenweisheit aber genauso wenig hat die Jugend zwangsläufig überall den besseren Durchblick. Also schön den Ball flach halten. Beleidigende Sprüche wie der zum Altersheim sind unter Deinem Niveau. Warst Du schon mal in solch einer Einrichtung? Ja, auch alte Menschen haben ein Recht auf Existenz und das ihre Bedürfnisse wahrgenommen werden und das vergisst die Gesellschaft im Jugendwahn schnell mal. Übrigens hat Jugendwahn nicht unbedingt etwas mit der Jugend zu tun, sondern damit, dass die Leute um jeden Preis gern jung wären oder so wirken möchten. In diesem Sinne finde ich das “Jugendradio” einfach entsolidarisierend. Hauptsache ich, der Rest ist mir Wurscht. Eines der Hauptprobleme der heutigen Gesellschaft scheint mir zu sein, dass der Dialog zwischen den Generationen zum Erliegen gekommen ist…

    PS: Ich habe Jugendradio DT64 noch im Original gehört.
    PPS: Ja, meine Gedanken sind manchmal etwas wirr und ja, ich bin Kulturpessimist.

  3. Wollte mich grad mal mit einem Kommentar auf Deiner Seite revanchieren. Leider zeigt es den angefragten Captch-Code nirgends an. So’n Pech…

  4. Mir ging es nicht darum die Menschen im Altersheim schlecht zu machen, sondern nur darum das Argument “Der Geschmack wird ja mit dem Alter besser” zu entkräften. Vielleicht polemisch, aber dass Du als Musik von Jugendlichen “Tokio Hotel” nennst zeigt doch, dass man auf die Distanz immer das Schlechte, Klischeehafte sieht und so assoziiere ich eben “alte Menschen” mit Volksmusik.

    Ob ein Jugendradio jetzt Jugendradio heißen soll, darübe kann man sich ja streiten, aber vom Konzept eines Senders wie z.B. FM4 bin ich überzeugt und das Funktioniert auch für ältere Menschen die sich für Musik abseits des Mainstreams interessieren. Und die meisten Menschen die sich dafür interessieren sind eben jung. Und ja, sie wollen auch noch neues kennen lernen und ihren Geschmack entwickeln. Wenn sich ältere Menschen dafür auch interessieren können sie die Musik doch gleichermaßen hören und entweder über “jugendliche Themen” wie Beziehung, Freundschaft und Veranstaltungstipps hinweghören bzw. ergänzend den Deutschlandfunk hören oder akzeptieren, dass das auch für sie relevant sein kann. (Auch wenn es “Jugendradio” heißt.)

    Kulturkritisch zu sein ist ja nichts schlechtes, aber ich finde es eben enttäuschend wenn man dann gute Gedanken verdammt nur weil sie nicht hundert Prozent den eigenen Vorstellungen entsprechen oder anders besetzt sind. Ich meine es hört doch kein alter Mensch auf Fahrrad zu fahren wenn das plötzlich zum Symbol für Jugendlichkeit wird?

    PS:
    Das Captcha hat sich wohl nicht mit dem minimalistischen Design vertragen, also habe ichs abgestellt.

  5. Wie gesagt, ich habe Biss.Fm auch unterstützt, nur sehe ich, dass das Ganze immer mehr an Kontur verliert. Letztendlich geht es nur darum, den Kuchen anders zu verteilen, anstelle (andere) Brötchen zu backen, wenn Du meine Backwahn-Metapher akzeptierst. Ich denke, Musik kann nur Teil eines Gesamtkonzepts sein, welches das Radio als eigenständiges Medium behandelt und nicht als Hintergrundbeschallung. “Jugendlich” muss das Ganze nicht sein, nur gut. Ich hätte halt gern ein Radio für alle.

    Ich reagiere mit zunehmenden Alter :-) einfach allergisch darauf, wenn mir abgesprochen wird, dass ich mich noch weiterentwickle. Das tue ich sehr wohl, nur (leider) ist das Radio kaum noch dazu geeignet, meinen musikalischen Horizont zu erweitern. Um ein simples Beispiel abseits TH & Co. zu nehmen: Mando Diao ist aus meiner Sicht totlangweilig und komplett überbewertet. Da sich’s aber ganz offensichtlich gut verkauft, läuft es auf den einschlägigen Sendern hoch und runter (jetzt vielleicht nicht mehr).
    Ich hab am Sonntag mal den Selbstversuch gemacht und eine Stunde Radio Dresden 103.5 gehört. In der Zeit lief nicht ein Lied, das mir gefiel oder einfach nur hängengeblieben wäre und ich bin wirklich sehr musikinteressiert. Das meiste wirkt, wie schnell mal aus bekannten und beliebten Zutaten zusammengeschraubt, ohne Seele und absolut vorhersehbar. Da gebe ich bei http://www.last.fm irgendeine Band ein, die mir gefällt – nehmen wir mal Dresden Dolls – und da laufen dann in einer halben Stunde mindestens drei oder vier Bands, die so interessant sind, dass ich aufhorche und sage “Was ist denn das?” Diese Aha-Momente habe ich im Radio nicht mehr. Da klingt alles wie frisch gebügelt – und dabei hat sich der Mainstream aus meiner Sicht in den letzten Jahren deutlich in Richtung Indie / Alternative bewegt. Die ganz schlimmen Sachen die es in meiner Jugendzeit noch gab (Blue System, Fancy oder Technotronic) hört man heute kaum noch – dafür aber einenn unerträglichen Weichspülersoul, der mit schwarzer Musik nichtss mehr gemein hat. Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema…

    Ich denke, Radio wirkt wie alle Medien als “Bildungsmedium”, denn die massenhaft verbreitete Meinung wirkt natürlich in viel mehr Köpfen als die am Stammtisch mit drei Kumples ausgetauschte. Und das gilt selbstverständlich auch bei der Musik: Stücke, die im Radio laufen, verbreiten sich leichter, als die im heimischen Kinderzimmer mit ein paar Freunden angehörten. Kommerzielle Sender hantieren gern mit dem “Die Leute wollen das so hören”-Argument, doch das ist das klassische Henne-Ei-Dilemma. Wenn ich den Leuten immer nur den gleichen Brei vorsetze, springt ein Teil ab, der Rest “frisst”, was er vorgesetzt bekommt und dann sinkt über kurz oder lang das Bedürfnis nach anderer “Kost”. Dass die Radiohörer so dumme Sender hören, liegt vor allem am mangelnden Angebot. Gäbe es eine Alternative, dann müssten auch die anderen Sender nachziehen, um nicht ihre Kundschaft zu verlieren.

    Für mich ist ein weiteres Argument dafür, einen Sender zu installieren, der das ganze Altersspektrum anspricht, dass es kaum Leute gibt, die nur immer eine Musik hören wollen. Auch wenn mein Interesse an klassischer Musik sich in Grenzen hält, hätte ich kein Problem damit, wenn die Stücke wild gemixt im Programm laufen Ganz abgesehen davon wäre das ganz gut für meine Bildung… :-) Letztendlich denke ich, dass solch ein Sender auch das Verständnis zwischen verschiedenen Alterstufen erhöhen könnte, Musik ist nun mal eine sehr emotionale Sache.
    Auch aus eigener Erfahrung glaube ich, dass “die Jugendlichen” nicht mehr so trendaffin (und damit so leicht kommerziell verwertbar) wären, wenn sie ein paar Sachen mehr kennen und damit aktuelle Hits besser einordnen könnten. Oasis wären sicher nie so erfolgreich geworden, wenn die Leute mehr Beatles gehört hätten. Nur mal so als Beispiel…

    PS: Hab grad zufällig eine CD mit Ami-Musik aus den 1940ern in die Hand bekommen. Da sind ein paar richtig tolle Stücke drauf. Sowas geht halt völlig im Radio verloren, weil’s niemand mehr spielt.

  6. Hier ein Hinweis auf ein sicher lesenswertes Intreview zum Thema.

    Ich habe jetzt mal den Selbstversuch mit MDR Sputnik unternommen. Das geht im Groben und Ganzen auszuhalten. Was im Internet funktioniert aber eigentlich kontraproduktiv ist, ist die Aufspaltung in verschiedene Spartenkanäle. Wie gesagt plädiere ich für ein “verbindendes” Radio…

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