Gestern Abend durfte ich aus den Nachrichten des MDR erfahren, dass ich ein Linksextremer bin. Weil ich nicht bei der Mutter Courage von Dresden und ihrer Aktion „Händchen halten gegen Nazis“ mitgemacht habe, sondern unerlaubt auf dem Albertplatz stand, inmitten einer Menge anderer Linksextremer. Die haben nämlich, glaubte man der journalistischen Elite unseres Heimatsenders wieder nur Randale gemacht, während die braven Bürger am anderen Elbufer, weit weg von den bösen Nazis gezeigt haben, wie man’s richtig macht. Man versammelt sich, hört sich eine hübsche Rede an und dann schwärmt man aus, um eine nette Menschenkette zu bilden. Ein paar freundliche Aufnahmen für die Fernsehschaffenden und die Bildjournalisten; alles im Kasten, jetzt dürft ihr nach Hause gehen.
Währenddessen standen die Linksradikalen rechtswidrig mitten auf guten deutschen Straßen und ließen den nationalen Verkehr nicht fließen! Und das in Zeiten der Wirtschaftskrise! Diese Volksschädlinge! Doch die Staatsmedien haben es allen gezeigt: Die Menschenkette hat ein Zeichen gesetzt, das so eindrucksvoll war, dass sich die Neonazis nicht einmal vom Neustädter Bahnhofsvorplatz weggetraut haben! Was sag ich; Helma hat sie fast im Alleingang gestoppt!

Gut, lassen wir die Scherze beiseite. Trotz der für Dresden recht positiven Entwicklung, dass mal alle „gesellschaftlichen Kräfte“ an einem Strang gezogen haben, hat der gestrige Tag wieder einmal sehr schön gezeigt, welch Geist im Königreiche Sachsen regiert. Wer nicht auf der (Elb)-Seite der Herrschenden steht, ist kein guter Bürger. Dieses Bild zu transportieren, war oberstes Anliegen der staatstragenden Medien (ich bin ja gespannt, was morgen DNN und SZ schreiben). Mit fast schon verleumderischer Art wurde alle, die sich dazu entschieden, den Neonazis wirklich Gesicht zu zeigen und nicht nur wie Widerstandskämpfer Emmerlich, Ich-bin-immer-dabei-Güttler und Co. selbstzufrieden in irgendeine Kamera zu salbadern, zu Extremisten und Gewalttätern gestempelt, zu unbelehrbaren Krawalltouristen. Eigentlich sollten alle so Diffamierten eine Sammelbeschwerde wegen Verleumdung anstrengen, sich zumindest aber beim Deutschen Journalistenverband beschweren, um so eine Rüge bzw. eine Richtigstellung zu erwirken.

Dresden kann stolz sein. Aber nicht so sehr wegen der Menschenkette – denn hier wurden die Bürger aus meiner Sicht vorrangig zur Produktion medienwirksamer Stadt-PR missbraucht – sondern wegen all denen, die wagten, zivilen Ungehorsam zu leisten und der Demokratie einen größeren Dienst erwiesen haben, als all die berühmt-berüchtigten Zeichensetzer. Ich will damit nicht diejenigen diffamieren, die sich an der Aktion beteiligt haben und vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben auf die Straße gegangen sind. Lasst Euch nicht entmutigen, das war ein guter Anfang! Beim nächsten Mal traut Ihr Euch dann mehr zu.

Wirklich wütend macht mich der Umgang mit denen, die von vornherein entschlossen waren, sich nicht in die Menschenkette einzureihen. Die sich nicht vom Dreiklang Kriminalisieren-Abschrecken*-Marginalisieren davon abhalten ließen und in Zukunft lassen werden, das zu tun, was sie für richtig halten. Mit friedlichen Mitteln und stellvertretend für die, die die braune Gefahr nicht sehen wollen.

Eine Frage möchte ich zum Abschluss noch stellen: Was wäre eigentlich ohne die Blockade passiert? Dann wären tausende Neonazis durch die Neustadt marschiert. Johlend vermutlich, denn die „Zecken“ hätten sich verstecken und eingestehen müssen, dass die Neustadt nicht ihr Stadtteil ist, ein Stadtteil in dem auch „gesellschaftliche Randexistenzen“ und „Nicht-Arier“ geduldet oder gar willkommen sind. War das die Absicht bzw. positiver Nebeneffekt der Umverlegung der Route? Wenn ja, dürfen sich diejenigen, die sich das ausgedacht haben kaum wundern, dass die Neustädter und diejenigen, für die das „alternativen Szeneviertel“ mehr ist als eine konsumfreudige Partymeile, gegen dieses infame Vorhaben zur Wehr setzten. Überwiegend mit friedlichen Mitteln. Wobei das Umschmeißen und Anbrennen von Mülltonnen – das sei an dieser Stelle auch mal erwähnt – zwar eine ziemliche Dummheit aber keine Gewalt ist, sondern Sachbeschädigung. Für mich gibt es immer noch einen Unterschied zwischen einer eingeschlagenen Scheibe und einem eingeschlagenen Schädel.

* Während der Demo bekam ich eine Blöd-Zeitung in die Hand, in der die tolle Waffe zum Verschießen von Pfefferspraykugeln ausführlich dargestellt und erläutert wurde, mit dem Hinweis, dass die Polizisten sie im Einsatz tragen. Was soll damit bezweckt werden? Für mich ist das eine klare Ansage: Bleibt zu Hause oder Ihr kriegt das Zeug in die Fresse.

Achtung, Linksradikale Bilder! Wer das nicht aushält, der scrolle nicht weiter nach unten.
(Ich habe mich nach einiger Überlegung nun doch entschlossen, die Gesichter auf den Bildern unkenntlich zu machen, auch wenn das jetzt alles wie eine Zombieparade aussieht. Ich möchte nicht, dass der eine oder andere vielleicht Ärger bekommt – und selbt möchte ich natürlich auch keinen Stress. Persönlich finde ich das Ganze total bekloppt, schließlich ging es ja gerade darum, Gesicht zu zeigen.)

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

13. Februar in Dresden

ZUR FREIEN VERWENDUNG:
stopper

Und hier noch ein Bild von der Menschenkette (Achtung Satire!):

Menschenkette

Hier noch Links zu anderen Einschätzungen des Tages:

Tagesschau

Heise

taz-Ticker von Tage / taz Artikel

Indymedia

classless Kulla

Woschod, das rote Blog

Twitter am 13. Februar

12 Comments

  1. Na was denn, du alter Verfassungsfeind, du Meinungsunterdrücker. Nazis haben auch ein Recht ihre Meinung zu sagen, das steht im Grundgesetz, du willst doch wohl nicht das unsere hochwohlgeboren Oroz gegen geltendes Recht verstößt. Die muss schon an die Wahl denken. Und nach sächsischem Versammlungsrecht sowieso, alles Extreme wenn’s nicht die Mitte ist. Ich kann mich jetzt nur grad nicht dran erinnern in welchen bösen Diktaturen das auch so war/ist.

  2. Mit den Fotos wäre ich an deiner Stelle etwas vorsichtiger (Thema Recht am eigenen Bild & Erkennbarkeit)…ich habe da schon so meine Erfahrungen gemacht. Kannst dich ja bei Fragen an unseren Rechtsexperten wenden. 😉

  3. PS: … und ich meine nicht das Bild von der Menschenkette…;-)

  4. die polizei ist zum glück auf nummer sicher gegangen und hat mich die brücke nicht passieren und das obwohl ich (asche auf mein haupt) nur einen freund am goldenen reiter treffen und nicht “randalieren” wollte. ich kann sie natürlich verstehen…so gemeingefährlich, wie ich mit meinen schwarzen klamotten (metal hören und gelb tragen verträgt sich leider nicht so sehr) ausgesehen hab. zu allem überfluss war mir bei den außentemperaturen auch noch kalt und ich hatte eine kapuze auf. das war dann wirklich zuviel und ich durfte wieder umdrehen. von gleichheit und blabla hatten die schnittlauchgewächse noch nichts gehört. diskriminierung aufgrund der falschen kleidung war angesagt. nächstes jahr zieh ich mich ein rosa ballkleid an und tanze neben helma um die frauenkriche

  5. Pingback: Der jährliche Ausnahmezustand × Gruselgrotte.de

  6. Ja, das mit den Bildern ist doof. Aber soll ich Allen einen schwarzen Balken verpassen? Das wäre dann ja ganz im Sinne der Kriminalisierung.
    @ Torsten – wie sieht es denn da rechtlich genau aus?

  7. Wirklich abstoßend, dass die Dresdner Linksextremen keine Gelegenheit ungenutzt lassen, bereits ihre Kinder mit Gutmenschen-Gedankengut zu indoktrinieren.

  8. Ich hab heute morgen auf Deutschlandfunkt die Presseschau gehört. Es ist natürlich ganz genau passiert, was passieren musste: “Die Menschenkette hat die Nazis gestoppt.” Hurra. Werde im Laufe des Tages mal noch in DNN und SZ schauen und was dazu im Eintrag ergänzen.

    Hier noch was zum Mitsingen und Mut machen. Kann man dazu stehen, wie man will, ich find’s ganz lustig: http://blip.tv/file/3216845

  9. Pingback: Lesehinweise: “Twitter: Der 13. Februar in #Dresden” und “Eine Nachbetrachtung zum 13. Februar in Dresden”

  10. Zum heulen diese Presseschau, hab fast mein Frühstück wieder ausgespuckt. Fakt ist aber das zum Beispiel der Artikel der SZ, liest man ihn im ganzen gar nicht sooo schlecht ist wie es in der Presseschau scheint.

  11. Kleingärtner

    “Hohle Symbole” passt, vorallem nachdem ich jetzt noch dieses Musikvideo auf blipTv gesehen habe. Das ist ja schlimmer als ein Loch im Kopf.
    Auf jeden Fall weiß ich jetzt wieder, wogegen wir 89 auf die Strasse gegangen sind. Unter anderem gegen solche Vollspackos, wie auf den Bildern zu sehen. Die mir vorschreiben wollen, was ich zu denken habe; die bestimmen wollen, was Richtig und was Falsch ist, Demokratiefeinde, die die Gelegenheit nutzten, ihre menschenverachtende Ideologie wiedermal in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Nie wieder Sozialismus! Nie wieder Krieg!.

  12. Im Kleingarten bist Du wirklich gut aufgehoben.

  13. Pingback: Die Welt hört zu

  14. Hier noch die ziemlich einseitige Presseerklärung der Polizei: http://www.dpolg-sachsen.de/aktuelles/150210-presserklaerung/index.html

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