Haben wir es also geschafft und die Vorrunde überstanden. Also nicht wir oder ich, sondern die deutsche Fußballnationalmannschaft. Klar, dass ich mir am Mittwochabend das Spiel angesehen habe. Sogar meine Frau konnte ich begeistern, sich die zweite Halbzeit daheim vor dem Fernseher mit mir in Augenschein zu nehmen. Ganz das Flair beim Public Viewing hatte das natürlich nicht. Aber der Schillergarten, in dem ich mich mit Arbeitskollegen treffen wollte, war schon zwei Stunden vorab überfüllt…
Seltsamerweise fühlte ich mich in vielen Szenen an frühere Nationalmannschaften erinnert. Wie auch schon z.B. 1990 war das Spiel über weite Strecken etwas hölzern. Und die deutschen Spieler standen sich quasi oft selbst im Weg. Klar, man ist technisch wesentlich besser geworden, kann auch auf engstem Raum mit dem Ball agieren und weite Pässe schlagen. „Typisch deutsch“ ist jedoch noch immer die Angst vor der eigenen Courage. Irgendwie schiebt man sich lieber stundenlang ohne Raumgewinn gegenseitig den Ball zu, anstelle selbst mal was zu versuchen. In anderen Mannschaften ist häufig das Gegenteil der Fall – da versucht es jeder Spieler auf eigene Kappe (und scheitert auch).
„Elf Freunde sollt Ihr sein!“, hieß es früher mal (Ich habe unter Freundschaftssprüche nachgeschaut, ob es da nicht was passendes dazu gibt aber leider ist das nicht der Fall. Da ist man mit der Texterstellung wohl nicht hinterhergekommen…) – von dem Ideal hat man sich wohl schon vor einiger Zeit verabschiedet. Das beste Beispiel für diese These waren bei dieser WM die Franzosen. Weiß da eigentlich Jemand, was da nun genau dahinter steckt? Für unsere Nachbarn ist es ja regelrecht eine nationale Katastrophe…
Insofern gibt es nichts am deutschen Team zu kritisieren, man zeigt sich geschlossen. Das wird gegen die Engländer auch unbedingt notwendig sein. Zwar haben die Insulaner bis auf das letzte Spiel noch nicht allzu viel Großes vollbracht aber gegen Deutschland werden sie sich sicher richtig anstrengen. Ich überlege nur, wo ich diesmal hingehe, um mir das Spiel anzusehen. Die richtige Idee habe ich noch nicht. Die naheliegendsten Loccations fallen weg – da ist Elbhangfest…
Hier noch ein hübsches kleines Bonmot zum Spiel:
Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft 1990 England im Elfmeterschießen schlug, meinte Kanzler Kohl, dass er sich freue, dass es den Deutschen gelungen sei, die Briten in ihrem Nationalsport zu schlagen. Seine Amtskollegin Margaret Thatcher soll laut Überlieferung mit den Worten gekontert haben: „Richten Sie ihm aus, dass wir die Deutschen in diesem Jahrhundert schon zweimal in ihrem Nationalsport besiegt haben.”
Die letzten Tage ist es hier ruhig geworden, da ich Dank eines medizinischen Eingriffes ein wenig auf Eis gelegt war. Trotzdem habe ich es mir natürlich nicht nehmen lassen, bei der BRN vorbeizuschauen, genauer gesagt am Samstagabend. Ich will mich nicht in den Einzelheiten verlieren, der Tiefpunkt meines Besuches war aber auf jeden Fall der Gang über die Rothenburger Straße. Was da geboten wurde, war unter aller Kanone: Eine Riesendiskoanlage direkt neben der anderen und jeder versucht den Nachbarn zu überbieten. Das grenzte schon fast an Körperverletzung. Und auch von dem, was da geboten wurde, war von Buntheit nichts zu bemerken. Stumpfe Beats vs. Noch stumpfere Beats. Es gab auch ein, zwei Bühnen, auf denen Live-Musik lief aber die bedauernswerten Musiker hatten gegen die geballte Technokraft nichts entgegen zu setzen. Kommerzialisierung hin oder her – ich denke, es gilt eher über Entsolidarisierung zu reden. Offensichtlich ist der Stadtteil so „bunt“ geworden, dass sich die verschiedenen Fraktionen nicht mehr zwischenmenschlich verständigen können.
Bei der Podiumsdiskussion Sinn und Unsinn unserer Bunten Republik muss wohl der Satz gefallen sein: Die BRN ist das Fest der Neustädter für die Neustädter, ohne Neustädter. Das würde ich so nicht unterschreiben. Es sind sicher noch viele Neustädter am Fest beteiligt, doch das Bild wird von deren oftmals leisen Aktionen nicht geprägt.
Von nachbarschaftlichem Verhalten ist bei dem „Stadtteilfest“ über weite Strecken nichts zu spüren. Das scheint mir das Hauptproblem der BRN zu sein – Jeder denkt nur an sich. Zudem ist das Stadtteilfest wahrscheinlich ökonomisch ein bisschen wie Weihnachten, da wird Umsatz gemacht, so viel wie geht – was kümmert mich der Rest! Ehrlich gesagt finde ich gerade die dezentrale Organisation gut aber so wie’s jetzt ist, ohne Absprachen und im Wahn der ständigen Aufrüstung geht es nicht mehr lange weiter. Warum können sich zwei benachbarte Kneipen nicht darauf einigen, eine Anlage hinzustellen und dann im Wechsel Musik zu machen? Das wäre mal ein Ansatz. Doch nichts geschieht. Stattdessen Hedonismus pur. Damit bekommt man auch das Publikum, das man verdient. Von mehreren „Bar-Arbeitern“ habe ich die Einschätzung gehört, dass die Gäste immer schlimmer werden. Zugedröhnt bis an die Hutkrempe, rücksichtslos und völlig bescheuert.
Ganz am Rande mal eine provokatorische Frage: Womit beschäftigt sich eigentlich das Ordnungsamt? Als ich Sonntagmorgen ein paar Minuten an einem Tisch vor einer Kneipe saß, kamen gleich ein paar Un-informierte, um die zwei Glasflaschen auf dem Tisch zu bemäkeln. Die Augen der Herrschaften scheinen ja ganz gut zu funktionieren, mit den Ohren ist es offensichtlich nicht so weit her. In jeder Disko muss der Schallpegel auf 90dB beschränkt werden, bei der BRN kann jeder seine Anlage ausreizen, bis es schmerzt, oder? Warum lassen wir nicht gleich einen Düsenjet auf der Rothenburger starten?
Zum Glück gibt es auch noch schöne Plätze bei der BRN. Der Lustgarten ist immer ganz in Ordnung, die Talstraße für Kinder, die Böhmische… Wir haben uns jedenfalls irgendwann ins Oosteinde zurückgezogen. Dort konnte man es wenigstens aushalten und an der Priesnitz hörte man von dem Lärm überhaupt nichts. Man konnte sich sogar unterhalten, ohne sich anzubrüllen! BRN kann eigentlich auch ganz nett sein.
Hier ein paar Bilder von den schönen Seiten der BRN:
Als ich heut abend am Zwingerteich vorbei fuhr, hörte ich lautstarke russische Anweisungen. Neugierig geworden, was denn da los sei, wurde ich Zeuge einer Probe der experimentellen Tanztheatertruppe “Derevo“. In den nächsten Tagen wird dort das Stück “White Fortress” aufgeführt. Worum es sich dabei genau handelt, erfährt man auf der Derevo-Homepage nicht, da steht nur “a magic flood of pictures, movements, sounds, lights and water”. Mit anderen Worten getanzte Poesie…
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