Dresdner|Rand

Dresden vom Rand her betrachtet.

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Hochkultur und niedriger Zwist

Ich gebe zu, ich kann mit der bürgerlichen Hochkultur nicht viel anfangen. Bisher habe ich es gerade erst einmal in die Semperoper geschafft und auch ins Theater gehe ich so gut wie nie. Ich weiß, das ist schlecht aber ich beschäftige mich nun mal mit anderen Sachen, die wiederum den Bildungsbürger nicht die Bohne interessieren. Zumindest aber informiere ich mich gern über kulturelle Themen, meist im Radio (Deutschlandfunk, MDR Figaro, Deutschlandradio Kultur) und auch mit Hilfe der Sendung „artour“ im MDR-Fernsehen (ja, da gibt es nicht nur alberne Volksmusikshows).
Gestern gab es bei „artour“ einen Bericht über den Dirigentenstreit an der Semperoper. War schon sehr lustig mit anzusehen, wie die hochkulturellen Herrschaften da miteinander umgehen. Während der noch amtierende Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Fabio Luisi nicht so richtig warm mit den Musikern wurde – besonders aussagekräftig war eine bei der Verleihung des Klassik-Echos gedrehte Szene – empfangen selbige den Stardirigenten Christian Thielemann ganz offensichtlich mit offenen Armen. Thielemann wirkt auf mich schon auf den ersten Blick wie der Prototyp eines energischen Kapellmeisters; als unschlagbare Referenz bringt er seine „Lehrzeit“ bei Herrn Karajan mit und außerdem zwei lukrative und prestigeträchtige Auftritte beim ZDF-Silvesterkonzert. Dass das für die zarte Künstlerseele Luisi eine herber Schlag, versteh sogar ich. Der Maestro ist jetzt auf jeden Fall sauer, weil „sein“ Orchester fremd geht und will den Job vorfristig an den Nagel oder das Dirigentenpult hängen – keine Ahnung, wie man das in diesen Kreisen nennt.
Sachsens Kultusministerin Freifrau von Schorlemer* durfte mit verkniffenem Gesicht die offizielle Stellungnahme zum Vorfall verkünden und Semperopernintendantin Ulrike Hessler (ich hoffe, ich verwechsle das jetzt nicht) verkündete mit süffisantem Lächeln, dass Thielemann ja nur ein, ach nein, zwei Vorstellungen mit der Staatskapelle arbeite und sie nicht verstehe, warum Luisi ein Problem damit hat. Ein wunderbar amüsantes Intrigantenstadl für thematisch unbeleckte Mitmenschen wie mich. Nur dumm, dass das Ganze pünktlich zum 25. Jahrestag der Wiedereröffnung der Semperoper passiert, so dass das freudige Ereignis von den kleingeistigen Streitereien der Dresdner Kulturelite überschattet wird.

Wahrscheinlich sollte ich zum Thema einfach die Klappe halten, da ich ja sowieso keine Ahnung von der Hochkultur habe. Aber es ist schon recht unterhaltsam und ich kann der Untugend der Schadenfreude frönen. :-)

* Ehrlich gesagt, finde diese Adelsbezeichnungen in der heutigen Zeit reichlich überholt aber irgendwie passt das schon in das Semperoper-Biotop und zur latent monarchistischen Geisteshaltung der Dresdner.

Posted 1 year, 11 months ago at 19:16.

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