Orosz naksch gemacht
Gehört hatte ich ja schon davon, den Stein des Anstoßes allerdings noch nicht gesehen: Das Bild der Dresdner Künstlerin Erika Lust, welches Frau Orosz nackt oder zumindest sehr leicht bekleidet zeigt. Selbiges war auf der vom Dresdner Künstlerbund betriebenen Internetseite zum Tag des offenen Ateliers zusehen. Dort fiel es der BLÖD-Zeitung auf, die daraufhin ihre Leserschaft mit den Worten „…und das bei einem Verein, der sogar mit öffentlichen Geldern gefördert wird. Oberbürgermeisterin Orosz ganz nackt im Internet!“ aufwiegelte. (Das stimmt nicht mal ganz, immerhin trägt sie einen Strumpfgürtel [sieht besser aus, oder?] und Strümpfe sowie die OB-Kette.) Die Empörung war groß, die Wächter des guten Geschmacks bei CDU und Bürgerfraktion immer vorneweg, und ratzefatze verschwand das Bild von der Seite, was wiederum zu Diskussionen über Selbstzensur und vorauseilendem Gehorsam führte.
Nun klagt das OB – als erstes Stadtoberhaupt in der Geschichte der Bundesrepublik – gegen die Künstlerin mit dem Ziel die Ausstellung des Bildes sowie jede Darstellung in Reproduktionen und Weiterverbreitung zu unterlassen. Der Prozess beginnt morgen 9 Uhr vor dem Landgericht Dresden, Lothringer Str. 1, Zimmer 89.
Sicher, die Darstellung von Frau Orosz ist alles Andere als vorteilhaft und wer möchte sich schon selbst in der Öffentlichkeit nackt sehen – es sei denn im Nudistencamp oder am FKK-Strand, wenn man denn auch wirklich da sein möchte. Auf der anderen Seite steht die Dame in ihrer Funktion im Blickpunkt der Öffentlichkeit, muss demzufolge auch mit Satire und künstlerischem Interesse leben. Die Androhung, einem etabliertem Vertreter aller Dresdner Künstler – dem Künstlerbund – wegen eines unliebsamen, als beleidigend empfundenen Bildes auf einer Website die Fördermittel zu streichen, ist weit entfernt davon, als angemessene Reaktion durchzugehen. Vielmehr erinnert dies an die Regierungspraktiken eines Monarchen, der einen ehemaligen Günstling verstößt. Nur dass Frau Orosz nicht Macht ihrer adligen Geburt und der Gnade Gottes Oberbürgerin von Dresden ist, sondern aufgrund einer demokratischen Wahl. Doch ist das nicht das erste Mal, dass die OB beweist, dass ihr genau diese Tatsache entgangen ist. Es fällt mir auch nicht zum ersten Mal auf, dass Kritiker – schließlich geht es bei dem Bild um Kritik am Verlust des Welterbetitels – in Dresden als Nestbeschmutzer behandelt und diskreditiert werden. Die Freiheit der Kunst wiegt in der Kunst- und Kulturstadt Dresden offensichtlich nicht allzu schwer im Vergleich zu einem Kratzer am anvisierten Stadtimage.
Und wie begründet eigentlich die Künstlerin ihr Werk: „[Erika Lust] habe das Bild im Zusammenhang mit der Reise der OB zum Welterbekomitee nach Sevilla gemalt und habe in der von ihr gewählten künstlerischen Form (der Nacktheit) zum Ausdruck bringen wollen, dass die OB dorthin gereist sei, obwohl sie keine Argumente für den Erhalt des Titels vorweisen konnte, also mit leeren Händen vor das Komitee getreten sei. In der Kunst wird eine solche Ausgangsituation eben sehr häufig als Nacktheit symbolisiert.“ (PM von Zensurpiraten.de) Klingt zumindest plausibel aus meiner Sicht.
Sehr interessant ist auch die Stellungnahme des Künstlerbundes zum Thema (pdf).
Nun gut, warten wir ab, wie’s weitergeht und ob sich Dresden ein weiteres Mal blamiert. Der Eklat hat auf jeden Fall dafür gesorgt, dass wir wieder einmal mit einem unschönen Thema in den Schlagzeilen sind. Da hilft auch unser toller toller Striezelmarkt nicht.
PS: Richtig krass fand ich, als ich mit einem Kollegen darüber diskutiert habe, ob ich das Bild verlinken soll und er meinte, dass ich dann auch im Falle eines für Erika Lust negativ ausgehenden Rechtsstreits mit Konsequenzen zu rechnen hätte. Ja wo leben wir denn eigentlich? Da ist sie wieder, die Schere im Kopf. Jaja, in der DDR war halt nicht alles schlecht, manches hat auch in unserer Demokratie Bestand, so wie der Grüne Pfeil…
PPS: Ich habe das Bild nicht verlinkt, weil ich es a) hässlich finde – ich würde es mir auch nicht Zuhause an die Wand hängen, noch nicht mal ins Klo – und b) tatsächlich keine Lust habe wegen Urheberrechtsverletzungen verklagt zu werden. Wenn die Dame wenigstens Unterwäsche anhätte…